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De captivitate ecclesiae. Praeludium Martini Lutheri

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De captivitate ecclesiae. Praeludium Martini Lutheri



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IV Von der Firmung


Es ist verwunderlich, was ihnen in den Sinn gekommen ist, dass sie aus der Auflegung der Hände das Sakrament der Firmung gemacht haben. Von der lesen wir, dass Christus die kleinen Kinder angerührt, die Apostel den heiligen Geist gegeben, Priester eingesetzt und Kranke gesund gemalt haben, wie Paulus an Timotheus schreibt: „Die Hände lege niemand zu bald auf.“ Warum haben sie nicht aus dem Sakrament des Brotes auch eine Firmung gemacht, wenn geschrieben steht, Apg. 9: „und als er Speise zu sich genommen hatte, wurde er gestärkt“, und Psalm 104, 15: „und das Brot des Menschen Herz stärke“, so dass die Firmung also drei Sakramente in sich vereinigte: das Brot, die Einsetzung und die Firmung selbst? Ist das aber ein Sakrament, was immer die Apostel getan haben, warum haben sie dann nicht vielmehr die Predigt zu einem Sakrament gemacht?

Das sage ich nicht, weil Ich die sieben Sakramente verdammte, sondern weil ich bestreite, dass sie aus der Schrift bewiesen werden können. Ja, wenn es nur in der Kirche eine solche Auflegung der Hände wie zu der Apostel Zeiten gäbe! Dann würden wir sie Firmung oder Heilung nennen. Es ist aber jetzt nichts davon übrig geblieben, außer was wir selbst erfunden haben, die Ämter der Bischöfe auszubauen, damit sie nicht ganz ohne Arbeit in der Kirche sind. Denn nachdem sie jene Sakramente, deren Verwaltung Mühe bereitet, zusammen mit der Verkündigung des Wortes als etwas Unwesentliches dem unteren Klerus überlassen haben , da war es recht und billig, dass wir etwas weniger Mühevolles erfanden, das so verwöhnten und großen Herren nicht beschwerlich wäre und das wir keineswegs als etwas Unwesentliches dem unteren Klerus anvertrauten. Denn was menschliche Weisheit ordnet, soll billig bei den Menschen in Ehren gehalten werden. So wie jemand Priester ist, einen solchen Dienst und ein solches Amt hat er. Denn ein Bischof, der nicht predigt und keine Seelsorge treibt, was ist er anders als ein Abgott in der Welt, der allein den Namen und die äußere Gestalt eines Bischofs hat? Wir aber begehren statt dessen die von Gott eingesetzten Sakramente; dass wir aber die Firmung zu ihnen hinzurechnen sollen, dazu haben wir keine Veranlassung. Denn zur Einsetzung eines Sakramentes gehört vor allen Dingen das Wort der göttlichen Verheißung, durch das der Glaube geübt werden soll. Aber nirgendwo lesen wir, dass Christus irgend etwas von der Firmung verheißen habe, obwohl er vielen die Hände aufgelegt hat und Markus das im letzten Kapitel unter die Zeichen setzt: „Auf Kranke werden sie die Hände legen, so wird’s besser mit ihnen werden.“ Aber

niemand hat das auf einen Sakramentscharakter bezogen, was auch nicht gut möglich ist. Darum ist es genug, die Firmung für einen Brauch der Kirche oder für eine sakramentale Zeremonie zu halten, ähnlich den anderen Zeremonien: der Wasserweihe und anderen Dingen. Denn wenn jede andere Kreatur durch Wort und Gebet geheiligt wird, warum sollte dann nicht viel mehr der Mensch durch sie geheiligt werden? Dennoch können diese Dinge, weil sie nicht Gottes Verheißung haben, nicht Sakrament des Glaubens genannt werden. Sie wirken auch nicht das Heil, die Sakramente aber retten diejenigen, die der Verheißung Gottes glauben.

V Von der Ehe


Die Ehe wird nicht allein ohne jeden Schriftbeweis für ein Sakrament gehalten, sondern sie ist auch durch die gleichen Überlieferungen, nach denen sie als ein Sakrament gerühmt wird, zum reinen Spott geworden. Das wollen wir einmal betrachten. Wir haben gesagt, dass in jedem Sakrament das Wort der göttlichen Verheißung enthalten ist, das derjenige glauben muss, der das Zeichen empfängt, und dass das Zeichen allein kein Sakrament sein könne. Nun liest man aber nirgends, dass der irgendwelche Gnade bei Gott erlange, der eine Ehefrau nimmt. Ja, es ist von Gott der Ehe nicht einmal ein Zeichen gegeben. Denn nirgends liest man, dass die Ehe von Gott gestiftet sei, damit sie etwas versinnbildliche, obwohl alles, was sichtbar geschieht, als Abbild und Allegorie der unsichtbaren Dinge verstanden werden kann. Aber dennoch sind die Abbilder und Allegorien nicht Sakramente , wie wir von den Sakramenten reden.

Weiter: weil die Ehe von Anfang der Welt bestanden hat und bei den Ungläubigen noch bis zum Augenblick besteht, so gibt es keinen Grund dafür, dass die Ehe ein Sakrament des neuen Gesetzes und der Kirche allein genannt werden kann. Denn die Ehen der Väter waren nicht weniger heilig als unsere, und die Ehen der Ungläubigen sind nicht weniger echte Ehen als die der Gläubigen - und doch halten sie es bei denen nicht für ein Sakrament. Außerdem sind bei den Gläubigen auch gottlose Eheleute, die viel gottloser sind als die Heiden selbst. Warum soll denn hier die Ehe ein Sakrament genannt werden, aber nicht bei den Heiden? Oder wollen wir von der Taufe und der Kirche so närrisch reden, wie es manche halten, nämlich: das zeitliche Regiment ist nirgends anders als in der Kirche, ebenso sei die Ehe nur im Raume der Kirche ein Sakramente. Das sind kindische und lächerliche Redereien, durch die wir uns dem Spott der Ungläubigen über unsere Unwissenheit und Unbedachtsamkeit aussetzen.


VI Von der Weihe


Dieses Sakrament kennt die Kirche Christi nicht, es ist eine Erfindung der Kirche des Papstes. Denn es hat nicht nur an keiner Stelle eine Verheißung der Gnade, sondern das ganze Neue Testament erwähnt es auch mit keinem einzigen Wort. Lächerlich ist es aber, etwas zu einem Sakrament Gottes zu erklären, das nirgends als von Gott gestiftet bewiesen werden kann. Nicht, dass ich sollen Brauch für verdammlich erkläre, der so viele Jahrhunderte hindurch geübt worden ist, aber ich will nicht, dass man in göttlichen Dingen etwas Menschliches hinzudichtet. Es gebührt sich auch nicht, etwas als von Gott verordnet hinzustellen, was nicht von Gott verordnet ist, damit wir uns nicht vor dem Widersacher lächerlich machen. Vielmehr sollen wir uns bemühen, dass uns all das gewiss, rein und durch klare Stellen aus der Schrift gesichert ist, was wir als Artikel unseres Glaubens rühmen. Das können wir aber bei diesem Sakrament ganz und gar nicht.

Die Kirche hat auch keine Gewalt, neue göttliche Gnadenverheissungen aufzurichten, wie nämlich manche schwatzen: es habe nicht mindere Vollmacht, was von der Kirche, als was von Gott gestiftet ist, weil sie durch den heiligen Geist regiert wird. Denn die Kirche entsteht aus dem Wort der Verheißung durch den Glauben und wird eben mit demselben Wort gespeist und erhalten, d.h. sie wird durch die Verheißungen Gottes errichtet und nicht die Verheißung Gottes durch sie. Denn das Wort Gottes steht unvergleichlich viel höher als die Kirche. Über dieses Wort Gottes hat die Kirche nichts anzuordnen, zu entscheiden oder festzustellen, sondern sie soll angeordnet, entschieden und festgestellt werden.

Wenn sie gezwungen wären zuzugestehen, dass wir alle, soweit wir getauft sind, auf gleiche Weise Priester sind - wie wir’s auch in Wahrheit sind - und ihnen allein das geistliche Amt - jedoch mit unserer Bewilligung - aufgetragen wäre, dann wüssten sie auch zugleich, dass sie kein Herrschaftsrecht über uns besäßen, außer soweit wir es ihnen freiwillig zugestünden. Denn so sagt 1. Petr. 2, 9: „Ihr seid das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum und priesterliche Reich.“ Darum sind wir alle Priester, so viele wir Christen sind. Die wir aber Priester nennen, sind aus uns erwählte Diener, die alles in unserem Namen tun sollen. Das Priestertum ist nichts anderes als ein Dienst. So 1. Kor. 4, 1: „Dafür halte uns jedermann: für Christi Diener und Haushalter über Gottes Geheimnisse.“

Daraus folgt, dass der, der das Wort nicht predigt, wozu er doch von der Kirche berufen ist, überhaupt kein Priester ist. Und das „Sakrament“ der Weihe kann nichts anderes sein als ein bestimmter Brauch, einen Prediger in der Kirche zu erwählen.

Des Priesters Amt ist es zu predigen. Wenn er das nicht tut, dann ist er so ein Priester, wie ein gemalter Mensch ein Mensch ist. Ob das einen Bischof ausmacht, solch unnützen Schwätzer zum Priester zu weihen, Kirchen und Glocken zu weihen, Kinder zu firmen? Nein, das kann jeder beliebige Diakon oder Laie auch tun. Der Dienst am Wort Gottes macht einen Priester und Bischof.

Darum rate ich, fliehet, alle die ihr sicher leben wollt, fliehet, ihr jungen Männer und lasst euch diese Weihen nicht übertragen, ihr wollt denn entweder predigen oder ihr seid imstande zu glauben, dass ihr durch solches Sakrament der Priesterweihe nicht besser geworden seid als die Laien. Denn die Stundengebete lesen ist nichts. Weiter: Messe lesen heißt das Sakrament empfangen. Was bleibt dann also an euch, was nicht auch an jedem Laien bliebe? Die Tonsur und das Gewand? Elender Priester, den erst seine Tonsur und Gewand macht! Oder macht euch das Öl zu Priestern, das auf eure Finger gegossen wird? Nein, jeder Christ ist mit dem Öl des heiligen Geistes an Leib und Seele gesalbt und geheiligt. Einst fasste der einzelne Christ das Sakrament nicht weniger mit seinen Händen an, als das jetzt die Priester tun. Freilich stürzt unser Aberglaube jetzt die Laien in große Sünde, wenn sie einen bloßen Kelch oder das Abendmahlstuch anrühren. Nicht einmal eine Nonne, eine heilige Jungfrau, darf die Altar oder andere heilige Tücher waschen. Siehe bei Gott, wie die hochheilige Heiligkeit dieses Standes zugenommen hat. Ich fürchte, dass es in Zukunft den Laien auch nicht mehr erlaubt sein wird, den Altar anzurühren, ehe sie nicht zuvor Geld geopfert haben. Ich zerspringe fast, wenn ich an diese gottlose Tyrannei jener üblen Frevler denke, die mit solch dummen Geschwätz und kindischen Possen die Freiheit und Herrlichkeit des christlichen Glaubens verspotten und zugrunde richten.



Darum soll jeder, der ein Christ sein will, gewiss sein und sich darauf besinnen, dass wir alle auf gleiche Weise Priester sind, d.h. dass wir die gleiche Gewalt am Wort Gottes und an jedem Sakrament haben. Doch ist einem jeden, diese zu gebrauchen, nur mit Einwilligung der Gemeinde erlaubt oder wenn man von oben her dazu berufen ist. Denn dessen, was allen gemeinsam gehört, kann sich niemand allein anmaßen, bis er dazu berufen wird. Und so kann das Sakrament der Weihe - wenn es überhaupt etwas ist - nichts anderes sein als eine gewisse Form, jemand in den Dienst der Kirche zu berufen. Weiter ist das Priesteramt eigentlich nichts anderes als ein Dienst am Wort - am Wort, sage ich, nicht des Gesetzes, sondern des Evangeliums. Das Diakonat aber ist nicht ein Dienst, das Evangelium oder die Epistel zu lesen, wie es heutzutage Brauch ist, sondern die Kirchengüter den Armen auszuteilen, damit die Priester, von der Last der zeitlichen Dinge entledigt, sich desto mehr dem Gebet und dem Wort widmen können. Denn in dieser Absicht sind, wie wir Apg. 6, 4 lesen, die Diakone eingesetzt worden. Derjenige also, der entweder das Evangelium nicht kennt oder nicht predigt, ist nicht allein kein Priester oder Bischof, sondern eine Pest für die Kirche, der - unter dem Vorwand, ein Priester oder Bischof zu sein - wie im Schafspelz das Evangelium unterdrückt und sich wie ein Wolf in der Kirche aufführt. Deshalb sind diejenigen Priester und Bischöfe, von denen jetzt die Kirche voll ist - wenn sie nicht auf andere Weise ihr Heil wirken, d.h. wenn sie nicht erkennen, dass sie weder Priester noch Bischöfe sind, und betrauern, dass sie einen Namen tragen, dessen Aufgabe sie entweder nicht kennen oder nicht vollbringen können und so mit Gebet und unter Tränen wegen dieser ihrer Heuchelei diesen elenden Zustand beweinen - wahrlich ein Volk der ewigen Verdammnis, und es bewahrheitet sich, was Jesaja 5, 13 f. steht: „Darum wird mein Volk müssen weggeführt werden unversehens, weil es ohne Erkenntnis gewesen ist, und werden seine Herrlichen Hunger leiden, und sein Pöbel Durst leiden. Daher hat die Hölle den Schlund weit aufgesperrt, und den Rachen aufgetan ohne Maß, dass hinunterfahren beide, ihre Herrlichkeiten und der Pöbel, ihre Reichen und Fröhlichen.“
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