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De captivitate ecclesiae. Praeludium Martini Lutheri

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De captivitate ecclesiae. Praeludium Martini Lutheri



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VII Vom Sakrament der letzten Ölung


Diesem Brauch, die Kranken zu ölen, haben unsere Theologen zwei ihrer würdige Zusätze angefügt: Einen, dass sie das ein Sakrament nennen, den andern, dass sie es zu einer „letzten“ <Ölung> machen. So soll es jetzt das „Sakrament der letzten Ölung“ sein, welches niemandem gegeben werden darf, er liege denn in den letzten Zügen. Vielleicht wollten sie - es sind ja spitzfindige Dialektiker - eine Beziehung herstellen zur ersten Salbung, der Taufe, und zu den folgenden beiden Sakramenten, der Firmung und der Weihe. Hier haben sie tatsächlich, womit sie mir den Mund stopfen können, nämlich dass hier nach dem Zeugnis des Apostels Jakobus die Verheißung und das Zeichen seien, durch welche, wie ich bisher gesagt habe, das Sakrament ausgemacht wird. Denn er sagt: „Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn. Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden.“ Siehe - sagen sie - hier hast du die Verheißung der Sündenvergebung und als Zeichen das Öl.

Ich aber sage, ist irgendwo törichtes Zeug geredet worden, so ganz besonders hier. Ich rede nicht davon, dass diese Epistel nicht ein Brief des Apostels Jakobus und auch nicht dem apostolischen Geist gemäß ist, wie viele sehr glaubwürdig versichern, denn er hat, gleich von wem er stammt, durch die Gewohnheit Autorität erlangt. Aber selbst wenn er vom Apostel Jakobus stammte, würde ich dennoch sagen, dass es einem Apostel nicht anstehe, aus eigener Macht ein Sakrament einzusetzen, d.h. eine göttliche Verheißung zusammen mit einem Zeichen zu geben. Denn das steht allein Christus zu. 1. Kor. 11, 23 sagt Paulus, dass er von dem Herrn das Sakrament des Brotes empfangen habe, und 1. Kor. 1, 17, er sei nicht gesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu predigen. Aber nirgends liest man im Evangelium etwas von einem Sakrament der letzten Ölung. Aber auch das wollen wir beiseitelassen. Wir wollen die Worte des Apostels - oder wer sonst der Verfasser dieses Briefes ist - selbst ansehen. Da werden wir gleich sehen, wie die sie eben nicht beachteten, welche die Sakramente vermehrt haben.

Erstens: wenn sie der Meinung sind, dass das wahr und zu halten ist, was der Apostel sagt, mit welcher Vollmacht verändern sie es dann und widerstehen ihm? Warum machen sie eine letzte und besondere Ölung daraus, die doch der Apostel als allgemein gewollt hat? Denn der Apostel hat nicht gewollt, dass es die „letzte“ sein sollte, die man allein den Sterbenden geben dürfe, sondern er sagt schlechthin: „Ist jemand krank...“, er sagt nicht: „Liegt jemand im Sterben.“

Aber das ist noch besser, was die Verheißung des Apostels ausdrücklich sagt: „Das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten“ usw. Siehe, der Apostel gebietet, dass Ölung und Gebet zu dem Zweck geschehen sollen, dass der Kranke geheilt und ihm besser wird, d.h. dass er nicht stirbt und dass diese Ölung eben nicht die letzte ist. Das beweisen auf bis zum heutigen Tag die Gebete, die man während der Ölung spricht. Darin bittet man, dass der Kranke gesund wird. Sie dagegen sagen, dass die Ölung niemandem gegeben werden soll als den Sterbenden, d.h. dass sie nicht gesund und wiederhergestellt werden. Wenn diese Sache nicht so ernst wäre, wer könnte sich über so eine schöne, passende und verständige Auslegung der apostolischen Worte des Lachens enthalten? Wird hier nicht öffentlich ihre sophistische Torheit entlarvt, die wie hier auch an vielen anderen Stellen bejaht, was die Schrift verneint, und verneint, was die Schrift bejaht? Warum sollten wir also unseren so hochgelehrten Meistern nicht Dank sagen? Ich habe doch wohl zu Recht gesagt, dass sie nirgends noch größeren Wahnsinn geredet haben als hier.

Weiter: Ist diese Ölung ein Sakrament, darin müsste sie ohne Zweifel „ein wirksames Zeichen“ dessen sein, was sie anzeigt und verheißt. Nun verheißt sie Gesundheit und Wiederherstellung des Kranken, wie die Worte klar dastehen: „Das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten.“ Wer siebt aber nicht, dass diese Verheißung bei wenigen, ja bei keinem erfüllt wird? Denn unter Tausenden wird kaum einer wieder gesund, und das schreibt niemand dem Sakrament sondern der Hilfe der Natur oder der Arznei zu. Denn dem Sakrament schreiben sie die entgegengesetzte Kraft zu. Was sollen wir also sagen? Entweder lügt der Apostel mit dieser Verheißung, oder diese Ölung ist kein Sakrament. Denn die Verheißung, die einem Sakrament gegeben ist, ist zuverlässig, diese aber ist zum größten Teil irreführend. Ja, damit wir dieser Theologen Weisheit und Wachsamkeit noch einmal feststellen: sie wollen deshalb, dass die Ölung die letzte ist, damit die Verheißung nicht bestehe, d.h. damit das Sakrament kein

Sakrament sei. Denn ist es die letzte, so macht sie nicht gesund, sondern erliegt der Krankheit; macht sie aber gesund, so kann sie nicht die letzte sein. Nach der Auslegung dieser Meister muss Jakobus sich selbst widersprochen haben. Damit er kein Sakrament stiftete, muss er ein Sakrament gestiftet haben; sie wollen, dass die Ölung darum die letzte ist, damit es eben nicht wahr sei, dass der Kranke durch sie gesund werde, wie Jakobus es festgestellt hat. Wenn das nicht Wahnsinn ist, so frage ich, was überhaupt Wahnsinn ist?

Auf diese trifft das Wort des Apostels zu, 1. Tim. 1, 7: „Sie wollen der Schrift Meister sein und verstehen selber nicht, was sie sagen oder was sie behaupten.“ So lesen sie alles ohne Urteilsvermögen und handeln dann dementsprechend.

Ich meine daher, dass diese Ölung dieselbe ist, von der Markus 6, 13 über die Apostel geschrieben steht: „Sie salbten viele Kranke mit Öl und machten sie gesund“, ein Brauch der alten Kirche, durch den sie Wunder an den Kranken taten. Dieser Brauch ist aber schon längst abgekommen wie auch das, was Markus 16, 17 f. sagt: Christus hat den Gläubigen die Macht gegeben, Schlangen zu vertreiben und die Hände auf Kranke zu legen usw. Es wundert mich, dass sie aus diesen Worten nicht auch Sakramente gemacht haben, wo sie doch die gleiche Kraft und Verheißung haben wie die Worte des Jakobus. Diese „letzte“, d.h. erdichtete Ölung ist also kein Sakrament, sondern ein Rat des Jakobus - dem folgen kann, wer da will - genommen und übriggeblieben aus dem Evangelium Mk 6, wie ich gesagt habe. Denn ich glaube nicht, dass dieser Rat allen Kranken gegeben ist - da ja die Krankheit in der Kirche als Ehre gilt und der Tod als Gewinn - sondern nur allen, die ihre Krankheit ungeduldig und schwach im Glauben tragen. Die hat Gott deshalb bleiben lassen, damit sich an ihnen die Wunderzeichen und die Macht des Glaubens erwiesen.

Und das hat Jakobus mit Vorsicht und Bedacht vorhergesehen, als er die Verheißung der Genesung und der Vergebung der Sünden nicht der Ölung, sondern dem gläubigen Gebet zugeeignet hat. Denn so sagt er: „Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er hat Sünden getan, wird ihm vergeben werden.“ Denn das Sakrament fordert nicht das Gebet oder den Glauben des Geistlichen, weil ein Sünder auch taufen und weihen kann, ohne Gebet, sondern es beruht allein auf der Verheißung und Einsetzung Gottes und fordert den Glauben des, der es empfängt. Wo ist aber bei unserer heutigen letzten Ölung das gläubige Gebet? Wer betet mit solchem Glauben über einem Kranken, dass er nicht zweifelt, dass er gesund wird? Ein solches Gebet des Glaubens beschreibt Jakobus hier, von dem er auch zu Anfang gesagt hat: „Er bitte aber im Glauben und zweifle nicht“. Und Christus sagt: „Alles, was ihr bittet in eurem Gebet, glaubet nur, dass ihr’s empfangt, so wird’s euch werden.“

Daran ist gar kein Zweifel: wenn heutigen Tages von älteren, ehrwürdigen und heiligen Männern ein solches Gebet voll Glaubens über einem Kranken gesprochen würde, würden so viele geheilt, wie wir wollten. Denn was vermag der Glaube nicht? Aber wir setzen den Glauben hinten und verstehen unter Ältesten jede beliebige Priesterschar, wohingegen das doch durch Alter und Glauben ausgezeichnete Männer sein sollten. Danach machen wir aus einer täglichen und freien Ölung die letzte und erwirken damit nicht allein nicht die Gesundheit, die Jakobus verheißen hat, sondern im Gegenteil, wir vernichten sie. Und nichtsdestoweniger rühmen wir uns, unser „Sakrament“, d.h. vielmehr unser Gebilde könne mit den Worten des Apostels, die doch ganz und gar dazu im Widerspruch stehen, begründet und bewiesen werden. O, diese Theologen!


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